Doch was bist du, MUTTERLAND?
March 6, 2025

Doch was bist du, MUTTERLAND?
Wer bist du?Wie bist du?
Ein Land der Mütter?
Mut + Erland – Mut und Fremdheit zugleich?
Bist du mutig und voller Fremder?
Oder sind wir mutig, weil wir in dir fremd sind?
Bist du ein Land mit Grenzen?
Oder eine Mutter voller Liebe?
Unter Umständen.
In anderen Umständen.
Ich denke an meine Mutter.
Sie war meine erste Landschaft.
Ihre Stimme. Ihre Tränen. Ihre Wut.
Ihre Liebe. Ihre Überforderung.
Der Rauch ihrer Zigaretten. Das Glas in ihrer Hand.
Ihr Schlaf, so tief, dass ich fürchtete, sie sei fort.
Ihr Duft, ihre Weichheit, manchmal Härte.
Sie war mein erstes MUTTERLAND – nah, widersprüchlich, unersetzlich.
Und der Ort, von dem ich mich lösen musste.
Doch ich schweife ab. Oder doch nicht? Hängt am Schluss nicht immer alles zusammen?
Ich lebe in meinem MUTTERLAND.
Ich habe es nur zum Reisen verlassen.
Hier wurde ich selbst Mutter – vor 21 Jahren, vor 11 Jahren.
Doch weder meine Mutter, noch ich, noch meine Kinder entsprechen der Norm.
Am wenigsten meine Tochter.
Sollte sie eines Tages Mutter werden wollen, könnte man es ihr verwehren – weil sie eine kognitive Behinderung hat.
Denn dieses Land erlaubt noch immer, Frauen wie ihr die Mutterschaft zu nehmen.
Mein MUTTERLAND will keine Mütter mit Behinderungen.
Es erlaubt Sterilisation gegen den Willen der Betroffenen.
Es kürzt Abtreibungsrechte – und fordert zugleich Pränataldiagnostik.
„Mein MUTTERLAND ist ein goldener Käfig, sagte meine Mutter.
Ich war wütend, wenn ich das hörte.
Ich wollte eine normale Mutter haben.
Heute bin ich selbst jene, die nicht dem Bild von Mutter Helvetia entspricht.
Zu laut. Zu fordernd. Zu queer. Zu oft geschieden.
Ich habe kein Kind geboren, das die AHV stützt.
Ich habe diesem Land nicht genug gedient – auch wenn ich am Ende meines Lebens Hunderttausende Stunden
Care-Arbeit geleistet haben werde.
Schon wieder schweife ich ab.
Die Frage wäre eigentlich: wer oder was ist eine Mutter? Ein Land?
Ein Körper mit Gebärmutter?
Ein Raum für Entstehung und Grenze?
Die erste Landschaft, die wir bewohnen – und ausbeuten wie Böden, wie Länder?
Dabei ist Mutter vielfältig.
Eine Co-Mutter in einer lesbischen Partnerschaft.
Eine Freundin, die trägt.
Pflegemutter. Adoptionsmutter.
Mutter eines Gartens, eines Tieres.
Mutter ist Sorge, Nahrung, Schutz.
Aber auch Erwartung, Last, Erschöpfung.
Manchmal Gewalt. Schmerz. Flucht.
Und zugleich Wurzeln, Prägung, Zugehörigkeit.

So auch MUTTERLAND.
Es ist nicht Nation.
Nicht Grenze.
Nicht Pass.
MUTTERLAND ist Fürsorge.
MUTTERLAND ist Beziehung.
MUTTERLAND ist Praxis.
Es entsteht dort, wo Care geschieht.
Wo Zugehörigkeit nicht verordnet, sondern erfahren wird.
Die Schweiz tut dies – in Teilen. Noch.
Viele andere Mutterländer taten es nicht.
Darin liegt Verlust, Trauer, Einsamkeit.
Aber auch Liebe. Erinnerung. Sehnsucht.
Manchmal sogar Erleichterung.
Ich selbst habe keine Migrationsgeschichte.
Es fühlt sich eigenartig an, das hier zu sagen.
Deshalb stehe ich hier vor euch – mit Demut.
Denn auch wenn die Schweiz kein feministisches, kein
queerfreundliches, kein
behindertenfreundliches Land ist:
Ich bin privilegiert als ihr Kind.
Meine Schul-Freundinnen hatten fast alle Wurzeln in Ex-Jugoslawien, Italien, Portugal, Spanien, Slowenien.
Ich verstand ihre Sprachen kaum, doch ich wurde Teil ihrer Familien.
Mit 19 war ich Trauzeugin bei einer serbisch-orthodoxen Hochzeit:
Eine Stunde Weihrauch, Gesang, kein Wort verstanden – aber ich roch,
ich trank, ich tanzte, ich ass.
Bis heute verbindet mich diese Zugehörigkeit.
Ich sah, wie ihre Eltern arbeiteten.
Und arbeiteten.
Oder rauchten. Oder kochten.
Und in den Ferien reisten sie zurück in ihr MUTTERLAND.
Dann kamen die Plakate.
Schattenbilder, die abwerteten, bedrohten, abschieben wollten.
Sie sagten: Ihr gehört nicht dazu.
Oder nur dann, wenn ihr immer stärker seid. Immer dankbarer. Immer erfolgreicher.
Wenn ihr zurückgebt, was eure Vorfahren erhielten.
Und so fragen meine Freundinnen sich bis heute:
Darf ich glücklich sein hier, wenn meine Verwandten dort weniger haben?
Darf ich meine Chancen hier nicht nutzen?
Darf ich mit meinem MUTTERLAND nur in Teilen verbunden bleiben?
Darf ich mein MUTTERLAND in Teilen hinter mir lassen?
Ich sehe, wie dieser Druck Körper und Stimmen prägt.
Wie er Frauen erschöpft, wie er zum Schweigen führt.
Und wie sie nach neuen Narrativen suchen.
Kunst kann ein solches Narrativ sein.
Sie erklärt nicht, sie macht fühlbar.
Sie baut Brücken, wo Sprache nicht reicht.
Sie erlaubt Gleichzeitigkeit.
Dieses Festival MUTTERLAND ist ein solcher Ort.
Kein Land auf einer Karte, sondern ein Gefühl von Zugehörigkeit.
Ein Raum, in dem Stimmen hörbar werden, die sonst übertönt sind.
Ein Raum, in dem neue Geschichten entstehen – jenseits von Grenzen.
Ich denke an meine Tochter.
Auch sie lebt in einer Welt, die nicht für sie gedacht ist.
Auch sie kennt Ausgrenzung.
Wie damals meine Mutter.
Und ich erkenne: Wie nah diese Erfahrungen beieinanderliegen – ob Herkunft, Geschlecht, Körper, Sprache.
Darum braucht es Räume, in denen niemand sich erklären muss.
Darum berührt mich dieses Festival.
MUTTERLAND ist mehr als Ausstellung.
Mehr als Konzert.Mehr als Programm.
MUTTERLAND ist eine Einladung.
Neu zu erzählen, wer wir sind.
Und wer wir miteinander sein können.
Danke den Künstler*innen.
Den Initiator*innen.
Allen, die diesen Raum geschaffen haben.
Und Ihnen, dass Sie hier sind.
Um zuzuhören.
Um mitzudenken.
Um mitzufeiern.
Willkommen in MUTTERLAND.